Uli’s 300SE/C

Erstens kommt es anders ...

Eines Tages klickte ich mich so durch die Internetseite einer großen Gebrauchtwagen-Börse, als mir plötzlich und unerwartet dieser Silberling vor die Linse kam. Wochen vorher hatte ich mich zu dem Experiment entschlossen, ein 111er Coupé zu meinem Alltagswagen zu machen. Bevorzugt ein 220er sollte es sein - traumhaft schlicht, so wenig Chrom wie möglich, am liebsten mit einer Zweifarbenlackierung. Die Suche gestaltete sich bis zu diesem Zeitpunkt recht frustrierend, hatte ich doch schon gut 2.000 AB-Kilometer abgerissen, um diverse Angebote in Augenschein zu nehmen, bei denen jedoch der berühmte (wenn nicht gar legendäre ...) Funke nicht überspringen wollte.

Auf etwas außerordentlich erfreuliches war ich während meiner Suche jedoch bereits gestoßen, und das war das Forum auf Pleff`s w111.net. Ich stellte beruhigt fest, das ich erstens nicht allein so bescheuert bin ein 60er-Jahre-Gefährt von Montag bis Sonntag einsetzen zu wollen und zweitens bekam ich jede Menge interessante Infos, moralische Unterstützung und konkrete Hilfe (besonderen Gruß an Andi in Waldenbuch!). Doch mit meinem 220er wollte es einfach noch nicht klappen. Ich beruhigte mich damit, dass ja über 16.000 Exemplare vom Band gelaufen sind, da wird sich doch der richtige finden lassen.

Als ich dann im Internet auf den 300er stieß, war ich zwar überrascht, überhaupt solch einen Wagen an dieser Stelle zu finden, doch noch nicht wirklich interessiert. Schließlich wollte ich ja einen 220er. Dass ich mir den „Fulldresser“ dann doch leibhaftig angesehen habe, lag eigentlich nur daran, dass der Wagen ganz in meiner Nähe stand und auf ein halbherzig abgesendetes e-Mail an den Verkäufer schon einer halben Stunde mein Telefon klingelte. Wir kamen recht nett ins Gespräch und als ich am nächsten Morgen um Neun vor dem Wagen stand, war es eigentlich schon passiert. Der Funke sprang nicht über – er fiel über mich her! Ich hatte keine Chance, großes Indianerehrenwort.

Keine Stunde später besiegelten wir den Kauf per Handschlag, ich hatte nicht versucht, den Preis runterzuhandeln (nicht Mal dran gedacht ...) und schon als ich auf dem Nachhauseweg war, wurde mir klar, dass ich das genaue Gegenteil von dem getan hatte, was ich eigentlich vorhatte: Alumaschine, Luftfederung, kein Schiebedach, Chrom bis zum Abwinken und dann auch noch diese Export-Zusatzleuchten, die mir noch nie gefallen haben. Ich hatte den Wagen nicht gründlich inspiziert, wußte (und weiss bis heute ...) so gut wie nix über seine amerikanisch-italienische Vorgeschichte, kannte nicht einmal den Tag der Erstzulassung, denn die war in den Papieren nur geschätzt (01.07.1965 – immerhin das Jahr war sicher).

Doch trotz allem habe ich den Wagen gekauft, denn noch keiner zuvor hat so sehr meinen Nerv getroffen. Zur Zeit werde ich für meine Bauchentscheidung auch noch täglich belohnt, denn nie zuvor habe ich die 70 Kilometer zur Arbeit so genossen, von den 70 Kilometern Rückweg ganz zu schweigen. Mein Motorrad (welcher Mann hat nur eine Leidenschaft?) steht seitdem auch an den Wochenenden vernachlässigt in der Ecke, man trifft mich meist mit einem breiten Grinsen im Gesicht und einem Lappen in der Hand (ist der viele Chrom nicht herrlich?!).

Nach dem 111er-Workshop in Dreierwalde vor ein paar Tagen (Spitzenmäßig!) weiß ich nun auch, was an dem Wagen im Groben noch zu machen ist und habe berechtigte Hoffnung, mit einem hellblauen Auge davon zu kommen. Was später ist, wird sich zeigen. Doch was auch immer sein mag, es wird sich in den Griff kriegen lassen. Denn ich weiß ja jetzt, dass es eine Menge Leute gibt, die einem immer wieder weiter helfen, immer noch einen Rat wissen oder das richtige Teil aus der Ecke zaubern. Und wenn mein 112er doch einmal länger ausfallen sollte, habe ich ja noch mein Motorrad ...

Die ersten 15.000 …

Seit September bin ich nun mit dem Coupé im alltäglichen Verkehr unterwegs, wobei die gefahrene Strecke nahezu immer identisch ist: morgens Lüdenscheid-Essen, abends Essen-Lüdenscheid. Rund 140 Autobahnkilometer täglich bei 2.500 - 4.000 Touren, dazu diverse Touren an den Wochenenden. In nunmehr acht Monaten sind rund 15.000 Kilometer zusammen gekommen (aktueller KM-Stand: 107.980). Der Ölverbrauch ist weitaus geringer als befürchtet (ca. 0,8 bis 1,0 Liter/Tsd. km), der Spritverbrauch pendelt sich irgendwo zwischen 15 und 16 Litern (Superplus) ein. Alle 7.500 km (also bisher 2 mal) kriegt er sein Fett gepresst, frisches Öl und frische Filter. Bisher keinerlei Ausfälle oder besondere Vorkommnisse anderer Art.

Nachdem Micha (B.) dem Wagen neue Luftbälge verpasst und kleinere Wehwehchen beseitigt hatte, war einige Wochen Ruhe - dann fing die Pfeiferei an. Zunächst noch leise und fast melodisch, dann immer lauter werdend und jede Hoffnung vernichtend, das es von selber wieder weggehen könnte. Ein kurzer erster Besuch in der örtlichen Mercedes-Vertretung brachte zweierlei zu Tage: erstens gibt es dort einen erfahrenen Meister, der sein Handwerk zu verstehen scheint, und wer da so pfeift, heißt Gelenkwellenzwischenlager.

Es wurde im Januar erneuert und stellt auch das bisherige Ende der Eingriffe dar, seitdem war nix. Okay, während einer Dauerregen-Fahrt nach Köln löste sich die Verbindung zwischen Scheibenwischergestänge und -motor, fairerweise in dem Moment, als der Himmel aufriss. Ich konnte also meine Fahrt fortsetzen und das Problem am Zielort beheben - 'ne Schraube war locker. Bin übrigens ziemlich oft im Regen unterwegs - was sozusagen dazu gehört, wenn man im Sauerland lebt - und habe eigentlich keine Klagen. Bei den Wischern ist mir zwar irgendwie die zweite Stufe abhanden gekommen und auch die Dinger so einzustellen, das sie in Ruhestellung wirklich unten stehen bleibe, scheint mir unmöglich zu sein, aber ansonsten alles schön trocken.

Noch was: der Tacho gibt ein kreischendes Kratzgeräusch von sich. Es könnte auch ein kratzendes Kreischgeräusch sein, da bin ich mir nicht wirklich sicher. Es klingt irgendwie so, als wenn im Tacho ein kleines Männchen sich mit einer asthmatischen Nähmaschine auf Höchstdrehzahl eine Buxe flickt, wobei die Drehzahl bei langsamer Fahrt auch entsprechend runtergeht. Das Geräusch ist aber nicht immer da, nur manchmal. Außerdem wird's in den letzten Wochen auch leiser, vielleicht repariert es sich ja selbst - oder das Männchen ist fertig mit der Buxe … ? Der MB-Meister meinte, das sei wohl die "Seele", die habe wohl einen "Schlach". Ich glaubte zuerst, dieses Schicksal habe auch ihn ereilt, doch er meinte es ernst. Ich wußte halt bis dahin nicht, das es wirklich ein Teil in dem Wagen (wohl im Tachoantrieb) gibt, welches "Seele" geheißen wird. Bin eben noch neu in der Materie.

Im März brauchte ich eine neue Plakette, also hab ich den Dicken fein sauber gemacht, blitzblank gewienert (so wie sich das gehört …) und bin ohne weitere Vorbereitung zum TÜV gerollt. "Feiner Erhaltungszustand", meinte der Prüfer, hat sich dann kurz der Technik gewidmet und mir fünf Minuten später den begehrten Aufkleber auf´s Nummerschild gerubbelt. So leicht kann das gehen, ich war wirklich erstaunt. Nicht das ich wirkliche Befürchtungen gehabt hätte, aber man weiß ja nie, was die bekittelten Burschen so gefrühstückt haben.

Die Winterreifen sind jetzt runter (haben sich im tiefsten Schnee sehr bewährt), seit vier Tagen rollt der Benz auf Nangkang. Habe aufmerksam die Beiträge im Forum studiert und sie dennoch bestellt, denn ich habe im Moment leider überhaupt keine Zeit, mich um eine Alternative zu bemühen. Da ich den Wagen ohnehin immer sehr piano bewege (max. 120 km/h), wird's schon gehen, zumindest 'ne zeitlang - und dann gibt´s ja vielleicht wirklich eine vernünftige Alternative von Michelin (man munkelt …).

Tja, und sonst …

… ist es einfach nur herrlich, in dem Gleiter unterwegs zu sein. Die Luftfederung ist eine Wonne, der Motor ein gutmütiger Bär, das Fahrgefühl unbeschreibbar (aber wem sage ich das?). Ich spiele allerdings mit dem Gedanken, die relevanten technischen Daten gut sichtbar im Fenster auszuhängen, dann muss ich sie nicht ständig runterbeten.

Bemerkenswert finde ich, dass mir in nunmehr acht Monaten und 15.000 gefahrenen Kilometern kein einziges anderes 111er- oder 112-Coupé auf der Straße begegnet ist. Nicht eines. Null. Wo seid Ihr? Ich fahre ja nun nicht in der tiefsten Provinz umher, vielmehr ständig auf zwei der meistbefahrenen Autobahnabschnitte des Landes, dazu reichlich oft im Ballungsraum Ruhrgebiet. Nüscht.

Oder gibt es keine anderen Coupés im Raum Dortmund, Hagen, Lüdenscheid & Co.?


Uli